Konkrete Poesie – ein konkretes Experiment und warum Fisches Nachtgesang das tiefstmögliche Gedicht ist

Das Metzler Literatur-Lexikon defi­niert Konkrete Poesie als eine Rich­tung, die unter dem Einfluss von Dada­ismus, Futu­rismus und Merz­dich­tung die Arbeit am konkreten Sprach­ma­te­rial in den Mittel­punkt stellt. In der Konkreten Poesie dient die Sprache also nicht mehr der Beschrei­bung eines Sach­ver­halts, eines Gedan­kens oder einer Stim­mung, sondern sie wird selbst zum Zweck und Gegen­stand des Gedichts. Da die Sprache keine Verweis­funk­tion mehr hat, werden Gebilde der Konkreten Poesie zu einer Art anti­poe­ti­schen Medi­ta­tion über die Bedin­gung der Möglich­keit der poeti­schen Gestaltungsweise.

Also habe ich mich sehr konkret ans Werk gemacht um das Wesen und die Absicht der Konkreten Poesie gleich selbst­ref­en­tiell an sich selbst auszu­loten. Für mich hieß das, die Sprache zunächst auf ihre Urele­mente zurück­zu­führen und das wiederum heißt »zerlegen«.

Konkrete Poesie - konkreter Baukasten

Konkretes Expe­ri­ment — Phase 1

Wie das konkrete Gebilde zeigt, hat sich der Begriff KONKRETE POESIE fast von selber in einen KONKRETEN BAUKASTEN verwan­delt, was mir einleuch­tend und folge­richtig schien, denn das Wesen (schrift)sprachlicher Kommu­ni­ka­tion ist deren Darstel­lung mit einem bestimmten Zeichen­vorrat und mein konkreter Baukasten würde es ermög­li­chen, mit einer Hand­voll von Basis­ele­menten belie­bige Zeichen zu gestalten.

Schon wollte ich eine Flasche Schampus entkorken, um den Erfolg meines konkreten Expe­ri­mentes gebühr­lich zu feiern, als irgend­eine offenbar beson­ders pinge­lige Dämonin mir einflüs­terte, ich solle gefäl­ligst nicht so vorschnell urteilen, denn das wahr­hafte Basis­ele­ment jegli­cher und erst recht der poeti­schen Sprache wäre doch nicht eine Ansamm­lung irgend­wel­cher zufällig gewon­nener Basis­zei­chen sondern ganz klar die Diffe­renz.

Wider­willig musste ich einge­stehen, dass dieses pedan­ti­sche Geist­wesen recht hat. Denn zur Darstel­lung jegli­cher auch noch so komplexer Zeichen reicht an sich der Binär­code, wie uns ja der tägliche Gebrauch des digi­talen Univer­sal­werk­zeugs eindrucks­voll belegt. Ich hatte die Zerle­gung aber dilet­tan­tisch schon bei 4 in der Tat recht belie­bigen Elementen abge­bro­chen, also zurück an die poeti­sche Werkbank!

Konkrete Poesie - Phase 2 des Experimentes

Konkretes Expe­ri­ment — Phase 2

Der Anspruch der Dämonin erwies sich als denkbar einfach zu erfüllen: Durch ledig­lich einen simplen Abstra­hie­rungs­schritt lassen sich die vier zuvor gewonnen Elemente tatsäch­lich in zwei Basis­ele­mente über­führen und unter Elimi­nie­rung der nicht unter­scheid­baren Objekte, d. h. konkret unter Anwen­dung von Cantors Mengen­be­griff 1, erhält man schließ­lich die Grund­menge der (konkreten) Poesie:   und  .

Nicht zufällig sind das just jene Elemente, aus denen sich Chris­tian Morgen­sterns Fisches Nacht­ge­sang zusam­men­setzt, welcher Gesang als eines der Para­de­bei­spiele Konkreter Poesie gilt. Fisches NachtgesangLeider wird der Wert dieses genialen Gedichts zumeist völlig verkannt. So schreibt etwa ein gewisser Anthony T. Wilson: »Die komplette Auflö­sung unserer Sprache treibt Morgen­stern schließ­lich in Fisches Nacht­ge­sang, das nur noch aus Längen– und Kürze­zei­chen besteht, als einem „wort­wört­lich stumme[n] Protest gegen sprach­liche Konven­tion und geis­tige Unbe­weg­lich­keit“ auf die Spitze.« 2.

Morgen­stern hingegen bezeich­nete seinen Fisch­ge­sang nicht ganz unbe­scheiden aber auch nicht zu unrecht als das tiefste deut­sche Gedicht, denn im Gegen­satz zur Annahme der konven­tio­nellen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft betreibt der Dichter nicht die Auflö­sung der Sprache sondern ganz im Gegen­teil deren Fundie­rung, indem es uns Unter­schei­dung und Rhythmus als die wesent­li­chen Grund­ele­mente der Sprache glas­klar / wasser­klar vor Augen führt. Daher ist “Fisches Nacht­ge­sang” nicht nur das »tiefste deut­sche Gedicht« sondern das tiefst­mög­liche Gedicht überhaupt!

 

  1. »Unter einer Menge verstehen wir jede Zusam­men­fas­sung M von bestimmten wohl­un­ter­schie­denen Objekten (m) unserer Anschauung oder unseres Denkens (welche die Elemente von M genannt werden) zu einem Ganzen«
  2. Anthony T. Wilson: Über die Galgen­lieder Chris­tian Morgen­sterns, Königs­hausen und Neumann (= Epis­te­mata – Würz­burger wissen­schaft­liche Schriften. Reihe Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, Band 448), 2003, S. 261

2 Kommentare

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    However, my weblog e-mail address is simone@libica.org

    Yours, Simone

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