Friedrich Nietzsche Vereinsamt — Das »Philosophengedicht« schlechthin?

I Lite­ra­tur­his­to­ri­sche Situation

Seit der Wende zum 20. Jahr­hun­dert kann man nicht mehr von „Epochen‟ mit einheit­li­chen Kunst­i­dealen spre­chen, wie es zum Beispiel Barock, Klassik und Realismus (weit­ge­hend) waren, sondern es über­la­gerten sich nunmehr unter­schied­liche Stil­rich­tungen, unter anderem impres­sio­nis­ti­sche Lyrik, Symbo­lismus, Neuro­mantik und Neuklassik. Nietz­sche ist am ehesten den Symbo­listen zuzuordnen.

Der symbo­lis­ti­sche Dichter schafft aus Bruch­stü­cken der realen Welt Symbole, Sinn­bilder, die, neu zusam­men­ge­setzt, eine Welt der Schön­heit bezie­hungs­weise der ideellen, ästhe­ti­schen und oft auch spiri­tu­ellen Voll­kom­men­heit ergeben sollen.
(Wiki­pedia, Symbolismus)

II Nietz­sches Weltbild

Nietz­sche kämpft gegen die mate­ria­lis­ti­sche und biedermeierlich-philiströse Lebens­auf­fas­sung und will das ange­passte Denken des zeit­ge­nös­si­schen Bürgers über­winden. Ziel ist die Heraus­bil­dung eines Übermenschen/Herrenmenschen, der sich nicht durch christ­li­ches (Schein-)Mitleid, sondern durch die Krea­ti­vität seines Schöp­fer­tums defi­niert. Dem entspre­chend sollten künftig kultu­relle Leis­tungen über die Rang­ord­nung der Menschen entscheiden.

Der junge Nietz­sche fühlte sich der Philo­so­phie Scho­pen­hauers verbunden. Später wollte er Scho­pen­hauers Pessi­mismus über­winden und stellte eine radi­kale Lebens­be­ja­hung in den Mittel­punkt seiner Philo­so­phie. Sein Werk enthält tief grei­fende Kritiken an Moral, Reli­gion, Philo­so­phie, Wissen­schaft und Formen der Kunst. Der als lebens­schwach empfun­denen Gegen­wart stellte er oft das antike Grie­chen­land gegen­über. Wieder­keh­rendes Ziel von Nietz­sches Angriffen ist vor allem die christ­liche Moral sowie die christ­liche und plato­nis­ti­sche Meta­physik. Er stellte den Wert der Wahr­heit über­haupt in Frage und wurde damit Wegbe­reiter moderner und post­mo­derner philo­so­phi­scher Ansätze. Auch Nietz­sches Konzepte, etwa des „Über­men­schen“, des „Willens zur Macht“ oder der „ewigen Wieder­kunft“, geben bis heute Anlass zu Deutungen und Diskus­sionen.“
(Wiki­pedia, Fried­rich Nietzsche)

Nietz­sches Bestreben, sich von der Majo­rität abzu­son­dern, mündete in „azurne Einsam­keit“, das Thema und Motiv des anschlie­ßenden Gedichts „Verein­samt“. Wie die Symbo­listen meint er, die Welt könne nur ästhe­tisch gerettet werden. Kunst könne nämlich nicht der Absur­dität verfallen, da sie jenseits aller Werte und Zwecke liege.

III Das Gedicht

Einige der besten Gedichte Nietz­sches, darunter auch das Gedicht „Verein­samt“, werden in eindrucks­voller Weise von Lutz Görner rezi­tiert (s. You Tube »Lyrik für alle, Folge 89“  .

Verein­samt

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n -
Wohl dem, der jetzt noch — Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rück­wärts, ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor winters in die Welt entflohn?

Die Welt — ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n,
Weh dem, der keine Heimat hat!

 

Das in sechs Stro­phen geglie­derte Gedicht ist sowohl im Versmaß, als auch im Reim­schema auf strenge Regel­mä­ßig­keit bedacht, bedient es sich in allen sechs Stro­phen des Kreuz­reimes (ABAB) und durch­ge­hend männ­li­cher Kadenzen. In der jeweils ersten und dritten Zeile liegt ein 2-hebiger Jambus und in der jeweils zweiten und vierten Zeile ein 4 –hebiger Jambus vor. Zahl­reiche Enjam­be­ments und Gedan­ken­striche lassen das Gedicht unre­gel­mäßig / unrhyth­misch erscheint. Bei der Wort­wahl fällt der harte, kalte Klang auf, wie zum Beispiel in Zur Winter-Wanderschaft verflucht in Zeile 14 (IV, 2). Dieser Klang korre­spon­diert mit den Begriffen, die Nietz­sche für seine Natur­be­schrei­bung nutzt, denn Worte wie „Winter“, „Wüste“, „Krähen“ und „Rauch“ rufen zwei­fels­frei eine Vorstel­lung von Kälte und Härte hervor. Im Gegen­satz dazu steht die „Heimat“, die hier mit Wärme und Trost asso­zi­iert wird.

All dies legt zunächst eine pessi­mis­ti­sche Ausle­gung nahe:

Thema und zugleich Motiv des Gedichts ist der Prozess der Verein­sa­mung, der, wie aus dem Titel im Partizip Perfekt hervor­geht, an sein Ende gekommen ist. Die Verein­sa­mung resul­tiert aus dem Verlust der Heimat, deshalb Wohl dem, der jetzt noch — Heimat hat (I, 4)!

Im in den Stro­phen II-V folgenden inneren Monolog blickt das lyri­sche Ich auf das zurück, was es verlassen hat, schilt sich ein Narren, der vor dem Einbruch des Winters in die Welt entflohen ist. Offen bleibt, ob der Narr töricht ist oder einem Zwang gehorcht, er ist aber keines­falls frei­willig gegangen, sondern „entflohn‟ in die „Welt“ jenseits der vertrauten, schüt­zenden Heimat.

Die Bilder „Vogel‟ und „Rauch‟ legen nahe, dass es sich hier um den (unum­kehr­baren) Verlust der geis­tigen Heimat handelt. Dieser Verlust zwingt das lyri­sche Ich in die Winter-Wanderschaft, das

Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht

auf immer höhere Ziele gerichtet ist. Diese Ziele entlo­cken dem Vogel aber keines­wegs schöne Melo­dien, sondern nur ein Schnarren im „Wüstenvogel-Ton‟ (V, 2), nicht zuletzt, weil das Herz in heimat­li­chen Illu­sionen verblieben ist.

Wie bei einem Rondo greift die sechste Strophe die erste wieder auf, jedoch abschlie­ßend verwan­delt in die eindring­liche Warnung Weh dem, der keine Heimat hat! und warnt somit vor der bedin­gungs­losen Wahr­heits­suche. Wer die Heimat, ihre Reli­gion und Ideo­logie verlässt, hat nämlich mit großem Leid zu rechnen.

Bezieht man Nietz­sches Leben und Werk mit ein, so treten auto­bio­gra­fi­sche Züge zutage, denn Nietz­sche stammt aus einem protes­tan­ti­schen Pfarr­haus, hat mit der „Skla­ven­moral“ des Chris­ten­tums gebro­chen und verachtet die bürger­liche Moral, welche ihm geis­tige Heimat hätten bieten können. Sogar die schüt­zende Freund­schaft mit Richard Wagner gab er auf, weil er sich vom Fest­spiel­be­trieb und den christ­li­chen Akzenten in Wagners Spät­werk, vor allem im Parsifal, distan­zieren wollte. „Verein­samt“ kann auch als eine Voraus­deu­tung auf die Verein­sa­mung verstanden werden, die Nietz­sche in den lichten Phasen seiner 1889 begin­nenden geis­tigen Umnach­tung verspürt haben muss.

Man kann das Gedicht aber auch opti­mis­tisch deuten:

Denn Nietz­sche prägte auch das Bild der Meta­mor­phosen vom Kamel zum Löwen und vom Löwen zum Kind.

Drei Verwand­lungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.“
(Also sprach Zara­thustra, Teil 1)

Der Prozess der Entfrem­dung von einer vorge­ge­benen Moral und ihrer Negie­rung entspricht der Meta­mor­phose vom dummen, wieder­käu­enden Kamel, vom von Selbst­ver­leug­nung, Genüg­sam­keit, Folg­sam­keit und Anpas­sungs­ver­mögen geprägten »demü­tigen Geist« also, zum aufbe­geh­renden Löwen, der sich von der Gemein­schaft absondert.

Wenn ein Mensch, ein an sich soziales Wesen, dies tut, so stürzt er Nietz­sche zufolge zunächst ins Boden­lose und aufgrund der steten Vernei­nung von Allem natür­lich auch in die Einsam­keit. Dies entspricht dem Bild der Wüste im Gedicht.

Da der Löwe aber nicht konstruktiv, sondern nur destruktiv wirken kann, ist eine weitere Verwand­lung nötig, nämlich zur Erschaf­fung einer neuen Werte­welt. Das Kind steht für einen Neube­ginn in ursprüng­li­cher Unschuld. Erst wenn der Mensch die „Erbsünde‟ und alle anderen Unge­reimt­heiten über­wunden hat, kann er zum Schaf­fenden werden.

Der im Gedicht beschrie­bene Prozess wäre Nietz­sche zufolge für die zweite Meta­mor­phose zum Kind gera­dezu notwendig, denn zunächst muss man der (trüge­ri­schen) Wärme der Heimat gewahr werden, da ja sonst keinerlei Anlass besteht, den Kamel­status zu ändern. Daher wird der einge­fleischte Kamel­geist von diesem Gedicht wahr­schein­lich nach wohligem Schauer wirkungs­voll abschreckt sein und sich sodann gleich wieder an Gleich­ge­sinnte kuscheln. Der Massen­mensch legt hiervon wohl nur allzu eindrucks­voll Zeugnis ab.

Hat man aber (aus welchem Grund auch immer) den Lug und Trug der »Heimat«, die üblen Neben­wir­kungen der Stadt, oder viel­leicht sein eigenes Anders­sein einmal erkannt, so ist diese Erkenntnis nicht mehr rück­gängig zu machen, und man findet sich zur Winter-Wanderschaft verflucht, wobei die Natur dem Menschen nicht unbe­dingt freund­lich gesinnt ist (warum sollte sie auch?).

Dies scheint gene­rell die Situa­tion jedes philo­so­phie­renden Menschen zu sein.

Aber wir müssen bzw. dürfen nicht ewig auf Wander­schaft sein, denn der nächste Winter kommt bestimmt und daher

Weh dem, der keine Heimat hat!

Diese Schluss­zeile fasse ich eher als Ansporn (wehe dem der noch keine (neue) Heimat (gefunden) hat) denn als reine Drohung (wehe dem der keine Heimat mehr hat) auf.

Man könnte das Gedicht daher neben der eindring­li­chen Warnung durchaus opti­mis­tisch als notwen­dige Phase inter­pre­tieren, bevor sich der nihi­lis­ti­sche Löwe zum lebens­be­ja­henden Kind weiter­ent­wi­ckeln kann. »Verein­samt« wäre somit nicht das Ende des Prozesses sondern ledig­lich eine Zwischenstufe.

Außerdem kommt auch nach dem längsten Winter wieder ein Früh­jahr. Zwar kann man sich – s. Hume – nicht unbe­dingt darauf verlassen, aber die Hoff­nung sollte man keines­falls aufgeben (ebenso wenig wie den Zustand des »unschul­digen Kindes« zu erreichen).

IV Fazit

Weh also dem Denker, der sich in die Wüste begibt und dann plötz­lich „kalte Füße“ bekommt. Und weh auch dem „Wutbürger“ der die Miss­stände zwar erkannt, aber vor lauter Wut nur noch platzt!


2 Kommentare

  • simone schrieb:

    Gute Fragen! Was meinen Sie denn selbst dazu?

  • küspert schrieb:

    Man sollte, wenn man schon sich rational in das Gedicht hinein wühlt, die einzelnen Symbole zu deuten versu­chen, das dürfte in jener vergan­genen Zeit noch inter­es­sant sein: Wer sind die Krähen, die die Stadt brau­chen — Krähen haben keinen »schwirren« Flug; sind Narr und Wüsten­vogel eins mit dem lyri­schen Ich, sogar dem Dich­ter­phi­lo­so­phen — und was hat er und wieso verloren? Warum macht er sich auf die Winter­reise — und warum hat er sich nicht warm ange­zogen (in jeder Hinsicht)?
    Und was will er mit dem steten Wechsel von Vier­he­big­keit zu Zwei­he­big­keit darstellen?

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