her mistress´ low voice

Weil mein zartes Sopran-Stimmchen gele­gent­lich für Verwir­rung sorgt, seien mir hier einige Anmer­kungen dazu erlaubt.

Her Mistress´Low Voice

Die heute vorherr­schende Ansicht, Frauen hätten am besten im Sopran zu singen (weib­liche Opern­stars sind fast immer Soprane und diese für Mädchen wiederum die einzig »wahr­haften« Vorbilder), führte einer­seits dazu, dass sich immer gleich große Über­ra­schung breit macht, wenn einmal eine es wagt, »im Keller« zu singen, und ande­rer­seits trau­ri­ger­weise auch dazu, dass viele Frauen für ihre jewei­ligen Anlagen in einer viel zu hohen Lage singen bzw. sogar spre­chen (angeb­lich spricht die Hälfte der Frauen nur im Falsett, nicht aber mit ihrer Brust­stimme — dieses Phänomen bezeichnet man übri­gens als »Giftstimme«).

Nachdem ich mich einige Jahre ganz und gar im schwei­genden Schreiben versteckt hatte, weil meine Stimme aus uner­klär­li­chen Gründen immer tiefer »in den Keller« rutschte (eine Tatsache, die trotz meiner inter­se­xu­ellen Vorge­schichte selbst die ausge­fuchs­testen Spezia­listen ratlos hinter­ließ), haben Gemma und ich begonnen, ein wenig nach »Gleich­ge­stimmten« zu forschen — und siehe da — ich war tatsäch­lich nicht die einzige »Abar­tige« auf Erden.

Zunächst stießen wir auf die US-Sängerin / Song­wri­terin Happy Rhodes, die zuweilen im schönsten Bass/Bariton intoniert.

Auch Öster­reich hatte gele­gent­lich außer­ge­wöhn­liche Stimmen zu bieten und man wusste diese einst sogar zu schätzen. So wurde im 18. Jahr­hun­dert Maria Johanna Nepo­mu­cena Kern »ihrer unver­gleich­lich schönen Bass Stimme wegen« in das Konvent der Urulinen aufgenommen.

Vor allem aber beein­druckten uns die Damen der Schola Pietatis Antonio Vivaldi (Vivaldi´s Women) aus Oxford, die tatsäch­lich mit dezi­dierten weib­li­chen Bass-Stimmen aufwarten:

Voll Begeis­te­rung haben Gemma und ich uns am Oxforder Projekt zur Erfor­schung der tieferen weib­li­chen Stimm­lagen betei­ligt und dabei fest­stellen müssen, dass es »extreme« Stimm­lagen zu allen Zeiten gegeben hat und Vivaldi sogar ganz bewusst für weib­liche Bass/Bariton-Stimmen kompo­niert hat (s. das obige Video). Die prak­tisch zwin­gende dicho­tome Eintei­lung in »weib­liche« und »männ­liche« (Sing-)Stimmen mit dem Alt als tiefste Frau­en­stimme — schon der »Contralto« wird gewöhn­lich als »unweib­lich« belä­chelt — hat sich also genauso als gesell­schaft­lich zemen­tiertes Konstrukt wie alle anderen Geschlech­terste­reo­typen erwiesen.

Im weiteren haben mich die »Bass­damen« um die Vivaldi-Forscherin Micky White sanft moti­viert, meine Songs »gefäl­ligst auch aktiv zu singen« und so nehme ich meine Songs bzw. auch vertonte Fremd­texte wieder auf und singe seit etwa zwei Jahren bei Lesungen wieder live.