davidia

Die von der Univer­sität Wien schon für April ange­kün­digte Blüte der Davidia Invo­lu­crata ließ mich den von mir gewöhn­lich erst ab Ende Mai frequen­tierten bota­ni­schen Garten heuer schon am 27. April aufsu­chen. Die unten einge­bun­denen Fotos vermögen den in natura wahr­haft spek­ta­ku­lären Anblick leider nur dürftig wieder­zu­geben. Ich war von den Blüten jeden­falls dermaßen faszi­niert, dass ich fast über die Info-Tafel gefallen wäre, die unweit vom Stamm der Davidia aufge­stellt ist: Tauben­baum oder Taschen­tuch­baum leitet sie die inter­es­sante Entde­ckungs­ge­schichte dieses Baumes ein.

Diese Titel­zeile wirkte auf mich aber zunächst wie eine Gewis­sens­frage und ließ mich spontan zu folgenden holpernden und polternden Versen hinreißen:

Warum heißt der Tauben­baum »Taschentuchbaum«?

Hat der Pracht­baum dies Schicksal verdient?

Sollen wir stets nur an Rotz­nasen denken

Wann immer der Baum in der Blüte uns winkt

Tatsäch­lich ist die Davidia in China nach wie vor als Tauben­baum bekannt, und im engli­schen Sprach­raum heißt sie nicht minder poetisch Dove Tree. Nur der deut­sche Trivi­al­name nimmt (neuer­dings) lieber Bezug auf Schneuz­qua­drate: »Ooooh, it’s a Taschen­tuch­baum

Viel­leicht hat der SCA-Konzern die Umbe­nen­nung veran­lasst, um auf beson­ders subtile Weise zum Kauf der Zell­stoff­qua­drate zu animieren. Wie dem auch sei, Tatsache ist jeden­falls, dass mit dieser gran­diosen Inno­va­tion der symbol­träch­tigen Taube ein banaler Alltags­ge­gen­stand, dem heiligen Geist der profane Ungeist und dem Land des Lächelns die »teut­sche« Trief­nase gegenübersteht!

Wenn, wie Wilhelm von Humboldt meinte, die Sprache das bildende Organ der Gedanken ist, oder, wie Witt­gen­stein sagte, die Grenzen unserer Sprache auch die Grenzen unserer Welt sind, dann sollten derart sorg­lose Neu– und Umbe­nen­nungen doch zu denken geben. Ich jeden­falls setze auf den Taubenbaum!